Ausstellungseinführung
What The Fuck
Sehr geehrte Damen und Herren
What The Fuck?! Was zum Teufel?! Was zur Hölle?! Oder deutlich derber: Was für ein Dreck / Schrott / Scheiß?!
Oder in diesen besonderen Fall hier und heute „Was soll das alles? Was soll das überhaupt?“ Und das auch im übertragenem Sinne.
„Waru macht man Kunst? Was ist Kunst? Warum ist das Kunst?
Christiane Lehmann hat von 2006-2010 an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, freie Kunst studiert und mit einem Diplom in Bildhauerei abgeschlossen
Die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft ist eine seit 2003 staatlich anerkannte private Kunsthochschule in Nordrhein-Westfalen mit Standorten in Alfter bei Bonn und Mannheim. Träger der 1973 gegründeten Hochschule ist die Alanus Hochschule gGmbH, deren alleinige Gesellschafterin die Emil-Molt-Stiftung ist.
Sie geht auf Emil Molt (1876 – 1936) zurück, der Mitbegründer und Geschäftsführer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart war.
Gemeinsam mit Rudolf Steiner gründete er im Jahr 1919 in Stuttgart eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter. Damit entstand die erste Waldorfschule. Emil Molt schuf die räumliche und finanzielle Grundlage für die Entstehung der Schule. Gemeinsam mit Rudolf Steiner verhandelte er mit der Schulbehörde viele Freiheit im Hinblick auf die Lehrplangestaltung.
Dabei sind Schul- und Kindergartengründnungen durch Unternehmen in dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Es ging darum den sozialen Frieden zu sichern, Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen, aber auch darum Frauen die Möglichkeit zu geben arbeiten zu können, denn sie waren deutlich schnelle und geschickter als ihre männlichen Kollegen und sie kosteten nur 1/3 des üblichen Arbeitslohns. Und man schuf sich langfristig einen sicheren Arbeitnehmerstamm, den man auch noch aufgrund seiner Fähigkeiten fördern und ausbilden konnte und der zugleich dankbar dem Unternehmen verpflichtet blieb.
Daraus resultierte der Stolz ganzer Familien zu Kienzle, SABA oder auch HARIBO zu gehören.
Doch Moll und Steiner ging es darüber hinaus um Reformpädagogik. Auch damit waren sie durchaus Kinder ihrer Zeit – aber eben auch auf der Höhe ihrer Zeit!
Schon nach wenigen Jahren steigerte sich die Schülerzahl dieser ersten Schule auf 1.100 Schüler und ging weit über die Kreise der Arbeiterkinder von Waldorf-Astoria hinaus.
Christiane Lehmann war Meisterschülerin bei Prof. Enne Haehnle, die in ihren Bildhauerarbeiten vielfach Fragen nach Raum und Material stellt und Prof. Andrea Sunder-Plassmann, deren Arbeiten vielfach den Phänomenen der Synästhesie nachspüren.
Und erhielt 2011 die Möglichkeit als Agents of Change an das Art Institute Brookes University, Oxford, UK bei Prof. Shelley Sacks und Hildegard Kurt zu gehen
Shelley Sacks Schwerpunkt lag bereits seit den 1970er Jahren auf der Social Sculpture. Sie bewegte sich zwischen Deutschland, Südafrika und England und stelle Fragen zu Nachhaltigkeit, Naturschutz, Naturzerstörung und demokratischen Strukturen bzw Demokratie
Die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt promovierte in Berlin über „Die neue Muse. Impulse aus der Kunst zur Überwindung der Konsumkultur“ und gründete 2004 zusammen mit der Kuratorin und Kulturhistorikerin Heike Strelow das Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V. in Berlin
2018-2019 war Christiane Lehmann Meisterschülerin bei Professorin Leiko Ikemura Deren Kunst sich intensiv mit der Natur, Erinnerung und existenziellen Fragen auseinandersetzt. In ihren Ausstellungen taucht man vielfach ein in stille, vielschichtige Welten aus Malerei, Skulpturen und Filmprojektionen – in Räume, die sich selbst Raum schaffen und uns in unserem Egoismus zu begrenzen suchen Räume, in denen sich Natur, Erinnerung und Veränderung auf überraschende Weisen begegnen.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Vielleicht ist in ihren Köpfen und Gedanken längst schon die Fragen aufgekommen „What the fuck? Warum erzählt die das alles? Warum soll mich das interessieren? Warum muss ich mir das hier heute anhören?
Nun – Kunst ist ein Ausdruck des Denkens.
Zeitgenössische Kunst ist unbequem. Sie erfordert, dass man sich Zeit nimmt. Das man nicht vorbeihetzt. Das man sie nicht so nebenbei schnell mal konsumiert.
Viele von Ihnen sind erfahrene Ausstellungsbesuchende. Daher haben sie vermutlich bei meinen Ausführungen bereits die ganze Zeit in die Telefonzelle geschaut und gedacht: Ach ja – genau – ich sehe es – ach daher –
Denn Christiane Lehmann interessiert sie genau für das alles.
Sie setzt sich in ihrer Kunst mit der Natur auseinander. Sie fragt nach Raum, Material, Natur und Umwelt, nach Nachhaltigkeit, der Zerstörung unserer Welt aufgrund wirtschaftlicher Interessen und nach Vergänglichkeit.
Welche Bedeutung geben Sie einem LapTop, einem mobilen Endgerät? Da würden Sie vielleicht noch sagen, naja da sind anderen Dinge wichtiger.
Wenn ich Sie aber frage, welche Bedeutung geben Sie ihrem Laptop, ihrem mobilen Endgerät wird ihre Antwort wohl ganz anders lauten.
Viele fühlen sich längst amputiert ohne die Dinger. Die Zeiten als ältere Menschen mit Recht sagen konnte, die Jungen reden nicht mehr miteinander und starren immer auf ihr Handy, die laufen auch glatt im Straßenverkehr an Laternenpfähle ist doch längst vorbei.
Erwachsene Männer und Frauen schauen im Straßenverkehr auf Handy, gefährden sich selbst und andere, sie unterbrechen Unterhaltungen, wenn es klingelt, sie tippen bei Vorträgen und Sitzungen auf den Dingern rum, Männer gefährden ihre Zeugungsfähigkeit und Potenz und Frau telefonieren längst während gynäkologischer Untersuchungen und alle während sie mit ihren Kindern spielen oder spazieren gehen und Familien sitzen im Restaurant und jeder tippt vorgebeugt auf dem eigenen Ding herum.
Und wir alle wissen, dass man für die Herstellung von Batterien und mobilen Endgeräten seltene Erden in aller Welt unter erbärmlichsten Bedingungen abbaut und die Umwelt vor Ort dabei dramatisch zerstört zurück lässt und die Abfälle danach aber ebenfalls von den reichen Wirtschaftsregionen in die ärmsten Regionen der Welt transferiert werden und das mit jedem unsinnigen Nutzen von KI etc Unmengen an Ressourcen (Energie und Wasser) verbraucht / verschwendet werden.
Und nun schauen Sie noch einmal in die Telefonzelle. Was wäre, wenn die Natur zurückschlägt? Was wenn unsere vermeintlich bedeutsamen, moderne Errungenschaften unnütz werden oder gar sind? Was, wenn sie überwuchert werden, wenn ihre modernistischen glatten Oberflächen plötzlich amorphen geologischen Oberflächen ähneln, die Farben an Wasser, Eis und Schimmeln erinnern oder die Welt aus der Ferne gesehen.
Was, wenn wir auf uns zurückgeworfen werden? Nicht mehr ausweichen können? Vor Ort sehen, was unsere Wohlstandspirale für die Umwelt bedeutet. Die Welt nicht mehr nur als digitales Abbild erleben, sondern wieder direkt – ohne die Möglichkeit den Filter selbst einzustellen oder Algorithmen gesteuert durch andere vorgefiltert zu bekommen?
Was wenn wir Schönheit und Verstörung und Veränderungen nicht mehr anderen zuschreiben können?
Wird es uns aufhalten, wenn die Auswirkungen unseres Handelns nicht mehr immer nur die anderen tragen und/oder sehen?
Dieses Jahr haben wir das erste Mal Trockenheit und Hitze - bis zu Waldbränden – direkt am eigenen Leib oder zumindest direkt vor unserer Haustür erlebt.
Wer von Ihnen hat daraufhin selbstverständlich die vertrockneten Gärten in Kauf genommen? Kein Leitungswasser verschwendet, um Rosen, Reben oder was immer sie zu ihrer persönlichen Freude anpflanzen, zu wässern oder im privaten Swimmingpool zu planschen?
Wer hat stattdessen für sich als Entschuldigung formuliert „aber die anderen sind ja viel schlimmer und ich mach ja nur…“
Das kann Kunst! Kunst kann ohne viele Wort, so wie ich sie nun benötigt habe, uns auf uns selbst zurückwerfen, zum Nachdenken bringen ohne dass wir dagegen diskutieren oder argumentieren können und stammelnde Rechtfertigungen suchen.
Denn die Auseinandersetzung mit der Kunst findet in jedem und jeder einzelnen statt, in unseren Köpfen und unseren Gewissen. Das macht sie so unverzichtbar für uns alle und daher ruft sie uns – in vielerlei Hinsicht - zu „What the Fuck!“
oder bewegt ja vielleicht uns dazu „What the Fuck?“ zu rufen und/oder daraus sogar noch Resultate für unser eigenes Verhalten / persönliche Veränderungen zu ziehen.
© Dr. Anja Rudolf, 08.10.2026